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Volatilitätsrisikoprämie: Warum Optionsverkäufer für Unsicherheit bezahlt werden

Die Volatilitätsrisikoprämie ist der Grund, warum Optionsverkäufer für Unsicherheit bezahlt werden. Wie du sie einschätzt und wann sie kippt.

Wer eine Option verkauft, verkauft Unsicherheit. Der Käufer zahlt eine Prämie, weil er sich absichern will oder auf einen schnellen Gewinn hofft. Der Verkäufer kassiert das Geld und trägt dafür das Risiko. Die Differenz zwischen dem, was der Markt für diese Unsicherheit verlangt, und dem, was später tatsächlich an Bewegung passiert, nennt man Volatilitätsrisikoprämie. Sie ist der Grund, warum Covered Calls und Cash-Secured Puts über viele Jahre überhaupt funktionieren können.

Ohne sie wäre Optionshandel ein Nullsummenspiel, aus dem nur die Gebühren sicher herauskommen. Mit ihr bleibt dem Verkäufer im Durchschnitt etwas übrig. Ein Durchschnitt ist aber kein Versprechen, und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.

Was hinter der Volatilitätsrisikoprämie steckt

Ein Optionspreis hängt an zwei Dingen: daran, wie weit der Kurs bis zum Verfall laufen kann, und daran, wie verunsichert der Markt gerade ist. Der erste Teil lässt sich halbwegs berechnen. Der zweite ist Psychologie, verpackt in eine Zahl.

Diese Zahl heisst implizite Volatilität. Sie ist der Preis, den der Markt für Unsicherheit verlangt. Die realisierte Volatilität ist das, was der Kurs danach tatsächlich gemacht hat. Die Volatilitätsrisikoprämie ist die Lücke zwischen beiden. Meistens liegt die implizite über der realisierten, weil Absicherung beliebter ist als das Eingehen von Risiko. Anleger zahlen für Schutz bereitwillig etwas zu viel. Wer die Gegenseite einnimmt, bekommt diesen Aufschlag.

Eine Optionskette liest sich deshalb nicht wie eine Preisliste, sondern eher wie ein Stimmungsbild. Wer die Prämien über mehrere Wochen beobachtet, sieht schnell, dass dieselbe Aktie an ruhigen Tagen billige und an nervösen Tagen teure Optionen hat, ohne dass sich am Unternehmen irgendetwas geändert hätte.

Zwei Volatilitäten, ein Vergleich

Wenn du einschätzen willst, ob eine Prämie attraktiv ist, vergleichst du nicht die Prämie mit der Prämie von gestern, sondern die implizite Volatilität mit der realisierten der letzten Wochen. Ein verkaufter Put mit einer impliziten Volatilität von 30 Prozent, während die Aktie zuletzt mit 18 Prozent geschwankt ist, trägt eine andere Prämie als derselbe Put in einer Aktie, die seit Monaten mit 35 Prozent schwankt. Die Zahl allein sagt wenig. Das Verhältnis sagt mehr.

Warum die Prämie nicht konstant ist

Die Volatilitätsrisikoprämie ist kein Zinssatz, den man ablesen kann. Sie ändert sich mit der Nachfrage nach Absicherung, und diese Nachfrage folgt Terminen und Gefühlen.

Termine mit Ankündigung

Quartalszahlen, Zinsentscheide, Abstimmungen. Vor solchen Terminen kaufen Fonds und Banken Absicherung, die implizite Volatilität steigt, die Prämien werden fett. Nach dem Termin fällt die Unsicherheit weg, und die Optionen verlieren schnell an Wert, auch wenn sich der Kurs kaum bewegt hat. Diesen Effekt nutzen viele Stillhalter bewusst aus, wie der Beitrag zum Optionsverkauf vor Earnings zeigt. Ich verkaufe deshalb lieber nach dem Termin als davor: Der Aufschlag ist kleiner, aber ich muss nicht darauf hoffen, dass der Kurs brav in der erwarteten Spanne bleibt.

Gefühle ohne Termin

Der zweite Treiber ist schwerer zu greifen. Wenn Schlagzeilen die Stimmung drehen, steigt die Nachfrage nach Puts stärker als die nach Calls. Absicherung wird teuer, und wer verkauft, verlangt genau dann hohe Prämien, wenn das Risiko am grössten ist. Im März 2020 stand der VIX zeitweise über 80. Die Prämien waren historisch hoch, und trotzdem war es der schlechteste Moment, um blind Puts zu verkaufen. Eine hohe Volatilitätsrisikoprämie kann eben auch bedeuten, dass der Markt etwas weiss, was du nicht weisst.

Wie sich die Prämie im Alltag zeigt

Marktphase Implizite Volatilität Realisierte Volatilität Was der Verkäufer spürt
Ruhiger Aufwärtstrend leicht erhöht niedrig Prämien laufen langsam aus, wenig Aufregung
Vor Quartalszahlen deutlich erhöht unbekannt fette Prämien, hohe Erwartung
Nach dem Termin fällt schnell oft niedrig Optionswert verfällt rasch, Gewinn ohne Kursbewegung
Panikphase stark erhöht sehr hoch hohe Prämien, aber Verluste übersteigen sie oft
Nach der Panik fällt, bleibt erhöht sinkt die ergiebigste Phase für neue Positionen

Der letzte Eintrag ist der wichtigste und der am leichtesten übersehene. Die besten Bedingungen für einen Verkäufer entstehen nicht mitten im Sturm, sondern danach, wenn die Nervosität noch nicht ganz zurückgegangen ist, der Kurs sich aber schon stabilisiert hat.

Wann die Volatilitätsrisikoprämie kippt

Prämien sind Einnahmen, Verluste sind Ereignisse. Wer zwölf Monate lang kleine Beträge einsammelt und in einer einzigen Woche ein Vielfaches davon verliert, hat nichts falsch gerechnet, sondern das Risikoprofil falsch eingeschätzt.

Vier Dinge solltest du deshalb vor jedem Verkauf klären:

  • Ein verkaufter Put bindet den ganzen Ausübungspreis, nicht bloss die Prämie. Wie viel Kapital das im Detail ist, steht im Beitrag zur Sicherheitsleistung beim Optionsverkauf.
  • Zehn verkaufte Puts auf zehn verschiedene Technologiewerte sind keine Streuung. In einem Abwärtsmarkt fallen sie gemeinsam.
  • Optionen auf Einzelaktien können über Nacht Lücken reissen, die keine Prämie abdeckt. Breit gestreute Indizes springen seltener so weit.
  • Die Laufzeit entscheidet, wie viel Zeit dir bleibt, auf einen Rückschlag zu reagieren. Kurze Kontrakte zwingen zu schnelleren Entscheidungen.

Ich halte die Volatilitätsrisikoprämie für eine der ehrlichsten Erklärungen, warum Optionsstrategien funktionieren. Gleichzeitig ist sie die beste Begründung dafür, warum Positionsgrössen wichtiger sind als die Höhe der Prämie. Wer das verwechselt, verkauft am Ende Risiko, das er nicht tragen kann.

Für wen sich der Blick auf die Prämie lohnt

Wenn du Optionen nur als Beimischung nutzt und pro Jahr eine Handvoll Kontrakte verkaufst, reicht ein grobes Gefühl für teure und billige Phasen. Wenn du daraus einen laufenden Einkommensstrom machen willst, kommst du um das Verhältnis von impliziter zu realisierter Volatilität nicht herum. Ein Depot aus fünf bis zehn Positionen, verteilt auf verschiedene Branchen und Laufzeiten, ist deutlich robuster als die Suche nach der einen Prämie mit der höchsten Rendite.

Hilfreich ist ausserdem ein einfaches Protokoll. Notiere für jeden verkauften Kontrakt die implizite Volatilität zum Zeitpunkt des Verkaufs und die realisierte bis zum Verfall. Nach zwanzig Kontrakten siehst du schwarz auf weiss, ob du den Aufschlag tatsächlich einsammelst oder ob du ihn über die Jahre an ein paar Ausreisser zurückzahlst.

Häufige Fragen zur Volatilitätsrisikoprämie

Ist die Volatilitätsrisikoprämie garantiert?

Nein. Sie existiert im Durchschnitt über viele Trades und lange Zeiträume. Ein einzelner Kontrakt kann mit hoher Wahrscheinlichkeit eine kleine Prämie einbringen und mit geringer Wahrscheinlichkeit einen grossen Verlust verursachen. Wer das als sicher darstellt, hat die Struktur nicht verstanden.

Kann ich die Prämie selbst abschätzen?

Näherungsweise ja. Die implizite Volatilität liest du direkt aus der Optionskette, die realisierte kannst du aus den Tagesschlusskursen der letzten vier bis acht Wochen berechnen. Beide Zahlen zusammen ergeben eine grobe Einordnung, ob eine Prämie über oder unter dem liegt, was die Aktie zuletzt an Bewegung gezeigt hat.

Gilt das auch für wöchentliche Optionen?

Ja, nur schneller. Kurze Laufzeiten reagieren heftiger auf Stimmungswechsel, und die Prämie zerfällt in wenigen Tagen. Das kann ein Vorteil sein, wenn du die Positionen eng überwachst, und ein Nachteil, wenn du sie einfach laufen lässt.

Buchempfehlung: Das Geheimnis der Stillhalter

Wenn du die Volatilitätsrisikoprämie in ein System aus Regeln, Positionsgrössen und Ausstiegen übersetzen willst, ist Das Geheimnis der Stillhalter der passende Einstieg. Das Buch behandelt Covered Calls und Cash-Secured Puts als Einkommensquelle mit klaren Grenzen, nicht als Sammlung einzelner Tricks. Genau diese Grenzen sind bei einer Strategie, die von Unsicherheit lebt, der entscheidende Teil.

Transparenzhinweis: Ich empfehle hier mein eigenes Buch.

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Dieser Beitrag ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Er gibt meine persönliche Einschätzung wieder und ersetzt keine individuelle Beratung.

Über den Autor: Marc Arndt

Finanzenthusiast und passionierter Verfechter der Dividendenstrategie. Teilt sein Wissen, um anderen den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit im DACH-Raum zu erleichtern.