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Theta-Zerfall: Wie Optionsverkäufer vom Zeitwertverfall profitieren

Der Theta-Zerfall erklärt, wie Optionsverkäufer vom täglichen Zeitwertverfall profitieren und welche Risiken in den letzten Wochen wirklich lauern.

Der Theta-Zerfall ist der Teil des Optionspreises, der mit jedem Kalendertag verfällt, ohne dass sich der Kurs der Aktie bewegen muss. Wer eine Option verkauft, kassiert diesen Verfall. Wer sie kauft, bezahlt ihn. Darin liegt der wirtschaftliche Kern des Stillhaltergeschäfts, und es ist der Grund, warum sich Optionsverkäufer für Zeit interessieren und nicht nur für Kurse.

Ein Beispiel: Eine Aktie notiert bei 50 Euro. Ein Call mit Strike 55 und drei Monaten Restlaufzeit kostet 2,10 Euro. Der innere Wert ist null, weil der Kurs unter dem Strike liegt. Die vollen 2,10 Euro sind Zeitwert, und dieser Betrag läuft bis zum Verfallsdatum gegen null. Bleibt die Aktie unter 55, gehört die Prämie dem Verkäufer. Der Kurs hätte sich dafür keinen Zentimeter bewegen müssen.

Warum der Theta-Zerfall ungleichmässig verläuft

Theta fällt nicht linear. In den ersten Wochen einer dreimonatigen Option passiert wenig, die Option verliert ein paar Cent. Erst gegen Ende wird der Abbau steil, und genau dort entscheidet sich, ob ein Stillhaltergeschäft aufgeht. Wer den Verfall als gleichmässige Gerade denkt, plant falsch.

Die letzten Wochen entscheiden

Zwischen den Laufzeiten liegen Welten. Eine Option mit 60 Tagen Restlaufzeit verliert pro Tag vielleicht einen Cent an Zeitwert. Bei sieben Tagen Restlaufzeit sind es fünf bis sieben Cent, und am letzten Handelstag zerfällt der Rest fast vollständig. Deshalb schliessen erfahrene Optionsverkäufer Positionen, sobald nur noch ein Bruchteil der Prämie offen ist. Man gibt den letzten Rest her und tauscht dafür das Risiko der Endphase ein.

Wochenenden und Feiertage

Der Zeitwert kennt Kalendertage, nicht Handelstage. Ein Freitagabend bedeutet für eine Option drei Tage Theta auf einmal, obwohl die Börse nur einen davon handelt. Wer Freitagmittag schliesst, verzichtet auf diesen geschenkten Abbau. Wer über das Wochenende hält, nimmt ihn mit. Das ist einer der wenigen Punkte, an denen der Kalender dem Optionsverkäufer wirklich in die Hand spielt.

Der Theta-Zerfall in Zahlen

Die folgende Tabelle ist eine vereinfachte Beispielrechnung für einen Call auf eine Aktie bei 50 Euro, Strike 55, implizite Volatilität um 25 Prozent. Sie zeigt die Richtung, nicht die Genauigkeit eines Optionsmodells.

Restlaufzeit Zeitwert der Option ungefährer Abbau pro Tag
90 Tage 2,10 Euro 2 bis 3 Cent
45 Tage 1,45 Euro 3 Cent
21 Tage 0,95 Euro 4 bis 5 Cent
7 Tage 0,45 Euro 6 Cent
1 Tag 0,08 Euro fast der gesamte Rest

Bemerkenswert ist nicht die erste Spalte, sondern die letzte. Was in 90 Tagen zusammenkommt, verteilt sich auf viele kleine Tage. Was in der letzten Woche verfällt, fällt in fünf Handelstagen an.

Was den Theta-Zerfall beschleunigt

Restlaufzeit

Kurze Laufzeiten haben das höchste Theta pro Tag. Das verleitet zu sehr kurzen Optionen, weil der Ertrag pro gebundenem Kapital steigt. Der Preis dafür heisst Gamma. Je näher der Verfall, desto heftiger reagiert der Optionspreis auf kleine Kursbewegungen der Aktie. Hohes Theta und hohes Gamma sind zwei Seiten derselben Position, und man bekommt nie das eine ohne das andere.

Implizite Volatilität

Eine höhere implizite Volatilität verteuert die Option und damit auch den absoluten Betrag, der über die Laufzeit verfällt. Der Verkäufer wird für Unsicherheit bezahlt, nicht für die Zeit an sich. Das ist die Logik hinter der Volatilitätsrisikoprämie, die ich in einem eigenen Beitrag ausführlicher beschreibe: Warum Optionsverkäufer für Unsicherheit bezahlt werden. Der Theta-Zerfall ist die Uhr, die Prämie ist der Preis für das getragene Risiko.

Abstand zum Strike

Ein verkaufter Call, der weit aus dem Geld liegt, hat kaum inneren Wert und wenig Gamma, aber auch weniger Prämie. Ein Call knapp am Geld bringt deutlich mehr Zeitwert und verliert ihn schneller, sobald der Kurs wegdreht. Die Wahl des Strikes ist damit immer auch eine Entscheidung darüber, wie viel Theta man einsammeln will und wie viel Kursrisiko man dafür trägt.

Wo der Theta-Zerfall täuscht

Theta ist eine Erwartung, kein Versprechen. Eine Position kann jeden Tag Zeitwert verlieren und trotzdem im Minus stehen, wenn die Aktie gegen den Strike läuft. Zwei Risiken fallen ausgerechnet in die Phase, in der das Theta am grössten ist.

Das erste ist das Gap-Risiko. Kurz vor dem Verfall reagiert die Position kaum noch auf kleine Bewegungen, auf einen Sprung über Nacht aber sehr wohl. Eine Quartalszahl nach Börsenschluss reicht, und der eingesammelte Zeitwert ist kleiner als der Verlust am nächsten Morgen.

Das zweite ist die vorzeitige Ausübung. Bei Dividendenaktien übt der Inhaber eines Calls oft vor dem Ex-Tag aus, um die Dividende zu kassieren. Wer einen solchen Call geschrieben hat, verliert die Aktie früher als geplant. Wann das droht und wie man es einpreist, steht in Early Assignment bei Dividenden.

Theta-Zerfall bei Dividendenaktien

Bei Dividendenaktien überlagern sich zwei Einnahmequellen. Die Dividende kommt viermal im Jahr, der Zeitwertverfall läuft jeden Tag. Aus Stillhaltersicht ist das ein Vorteil, weil der Kurs durch die Ausschüttung gestützt wird und ein verkaufter Put seltener ins Geld läuft. Einen Preis dafür gibt es trotzdem.

Wer verkaufte Puts schreibt, muss die Sicherheitsleistung jederzeit stellen können. Wie viel Kapital eine einzelne Position bindet, hängt vom Strike, der Laufzeit und der hinterlegten Sicherheit ab. Die Rechnung dazu habe ich in Sicherheitsleistung beim Optionsverkauf aufgeschrieben. Der Theta-Zerfall hilft nur demjenigen, der die Bindung bis zum Verfall durchhält. Wer vorzeitig schliessen muss, verkauft den Zeitwert oft unter Wert.

Meine eigene Einschränkung an dieser Stelle: Ich halte Stillhalterpositionen grundsätzlich nur auf Aktien, die ich auch besitzen oder zu einem tieferen Kurs kaufen würde. Der Theta-Zerfall ist dann ein Zusatzertrag zu einer Position, die ich ohnehin wollte, und nicht die Begründung für ein Geschäft, das ich sonst nie eingegangen wäre.

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Häufige Fragen

Verfällt der Zeitwert einer Option wirklich jeden Tag? An Handelstagen ja, an Wochenenden und Feiertagen rechnerisch ebenfalls. Ein Freitagabend bringt einer Option drei Kalendertage Zeitwertverlust, obwohl nur ein Handelstag dazwischen liegt.

Ist hohes Theta automatisch gut? Nein. Hohes Theta entsteht vor allem bei kurzen Restlaufzeiten, und dort ist auch das Gamma am höchsten. Eine Position mit viel Theta kann durch eine einzige grosse Kursbewegung mehr verlieren, als sie über Wochen eingesammelt hat.

Wann sollte man eine Stillhalterposition schliessen? Viele verkaufen, wenn nur noch ein kleiner Teil der Prämie offen ist, oft bei etwa 70 bis 80 Prozent vereinnahmtem Zeitwert. Der letzte Rest bringt wenig ein und trägt das grösste Risiko der Endphase.

Dieser Beitrag ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Er gibt meine persönliche Einschätzung wieder. Optionsgeschäfte bringen Verlustrisiken bis zum Totalverlust der eingesetzten Mittel, und steuerliche Fragen sind je nach Land und persönlicher Situation unterschiedlich zu beurteilen.

Über den Autor: Marc Arndt

Finanzenthusiast und passionierter Verfechter der Dividendenstrategie. Teilt sein Wissen, um anderen den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit im DACH-Raum zu erleichtern.