Entnahmerate berechnen: Wie viel du aus deinem Depot entnehmen kannst, ohne es zu verbrauchen
Entnahmerate berechnen: Wie viel du aus deinem Depot entnehmen kannst, ohne das Kapital aufzubrauchen. Mit Rechenbeispiel aus der Entnahmephase.
Wer sein Depot über zwanzig Jahre aufgebaut hat, kennt seine Sparrate in- und auswendig. Mit der Entnahmerate verhält es sich anders. Sie entscheidet darüber, ob das Vermögen bis zum Lebensende trägt oder deutlich früher zur Neige geht, und sie lässt sich weit weniger sauber bestimmen als der monatliche Sparbetrag.
Die gängige Antwort lautet vier Prozent. Diese Zahl stammt aus einer Untersuchung des US-Finanzplaners William Bengen aus dem Jahr 1994 und wurde 1998 von der sogenannten Trinity-Studie bestätigt. Beide Arbeiten gingen von einem Portfolio aus US-Aktien und US-Anleihen aus, rechneten über 30 Jahre und betrachteten ausschliesslich die Bruttoentnahme, also vor Steuern und vor Gebühren. Genau hier beginnt das Problem für Anleger in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich.
Was eine Entnahmerate genau beschreibt
Eine Entnahmerate ist nichts weiter als das Verhältnis zwischen der jährlichen Entnahme und dem Depotwert zu Beginn des Jahres. Bei 800.000 Franken Vermögen und vier Prozent sind das 32.000 Franken im Jahr, also rund 2.667 Franken pro Monat. Der Betrag wird üblicherweise im ersten Jahr festgelegt und danach an die Teuerung angepasst.
Diese Anpassung ist der eigentliche Knackpunkt. Wird die Entnahme jährlich um zwei Prozent erhöht, steigt sie über dreissig Jahre um mehr als achtzig Prozent. Anfangs wirkt die Rechnung harmlos, später nicht mehr. Wer die Kaufkraft erhalten will, kann die Entnahme kaum dauerhaft einfrieren.
Interessant ist die zweite Zahl, die in solchen Rechnungen mitschwingt: die Entnahmedauer. Die klassische Vier-Prozent-Regel unterstellt einen Zeitraum von dreissig Jahren. Bei einer Entnahme mit 55 Jahren, einem langen Ruhestand oder dem Wunsch, Vermögen an die nächste Generation weiterzugeben, sind es schnell vierzig Jahre oder mehr. Dieselbe Rate, ein anderes Ergebnis.
Warum die Vier-Prozent-Regel im DACH-Raum nicht eins zu eins gilt
Die Bruttoentnahme der US-Studien ist mit dem Betrag, der auf dem Konto ankommt, nicht vergleichbar. Drei Punkte fallen ins Gewicht.
Steuern
Schweizer Dividenden unterliegen der Verrechnungssteuer von 35 Prozent. Sie ist für in der Schweiz steuerpflichtige Anleger über die Steuererklärung zurückholbar, aber eben erst im Folgejahr. Wer im Quartal davon lebt, muss diese Verzögerung überbrücken. Auf US-Dividenden behält die Zahlstelle ohne gültiges W-8BEN dreissig Prozent ein, mit dem Abkommen sind es fünfzehn. Bei deutschen und österreichischen Depots greifen Abgeltungssteuer beziehungsweise KESt plus Solidaritätszuschlag. Aus 32.000 Franken brutto werden damit je nach Depotstruktur schnell 26.000 bis 28.000 Franken netto.
Der Wechselkurs ist kein Nebenschauplatz
Ein Depot mit US-Aktien liefert Dividenden in Dollar, die Ausgaben fallen in Franken oder Euro an. Wer die Entnahme in einer Schwächephase des Dollar verkaufen muss, verliert zusätzlich. Die Währungsschwankungen zwischen USD und CHF bewegten sich in den letzten zwanzig Jahren in einer Bandbreite von etwa 0,72 bis 1,05 Franken pro Dollar. Das ist bei einer Entnahme von drei Prozent des Depots leicht mehr als ein Prozentpunkt auf die tatsächliche Kaufkraft.
Einmaleffekte aus der Ansparphase fehlen
In der Ansparphase werden Dividenden reinvestiert, in der Entnahmephase nicht. Damit fällt der Zinseszinseffekt weg, der die Rendite über lange Zeit gestützt hat. Gleichzeitig laufen Gebühren, Depotkosten und gegebenenfalls Steuerberatung weiter, nur ohne Gegenfinanzierung.
Aus diesen Gründen rechnen viele Planer in der Schweiz mit drei bis dreieinhalb Prozent. Nicht, weil die alte Zahl falsch wäre, sondern weil sie brutto war.
Entnahmerate berechnen: ein Rechenbeispiel
Nehmen wir ein Depot von 800.000 Franken, das zu sechzig Prozent in Dividendenaktien und zu vierzig Prozent in Anleihen und Cash liegt. Die Ausschüttungen liegen im Durchschnitt bei 3,4 Prozent auf den Aktienteil. Das ergibt folgende Rechnung:
- Aktienteil: 480.000 Franken × 3,4 Prozent = 16.320 Franken Ausschüttung
- Anleihen- und Cashteil: 320.000 Franken × 2,1 Prozent Zins = 6.720 Franken
- Summe vor Steuern: 23.040 Franken im Jahr, also 1.920 Franken pro Monat
- Nach Abzug der Quellensteuer auf den nicht rückforderbaren Teil: etwa 1.700 Franken netto
Die Entnahmerate liegt hier bei 2,9 Prozent. Wer 3.500 Franken netto pro Monat braucht, braucht bei dieser Depotstruktur rund 1,6 Millionen Franken. Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit zeigt sich erst in dieser Rechnung, nicht in der Prozentzahl allein.
Wer den Kapitalbedarf von der anderen Seite angeht und zuerst den monatlichen Bedarf festlegt, kommt über die Division zum gleichen Ergebnis. Dazu passend: Kapital für passives Einkommen: Was 1.500 Euro im Monat wirklich kosten.
Die Stellschrauben, an denen sich drehen lässt
Die Entnahmerate ist kein Schicksal. Sie reagiert auf wenige Grössen:
- Zeitraum bis zum Ende der Entnahme
- Höhe der fixen Ausgaben, die aus dem Depot gedeckt werden müssen
- Anteil der Erträge, die reinvestiert oder als Puffer zurückgelegt werden
- Reihenfolge der Renditen in den ersten zehn Jahren der Entnahme
Die letzte Position wird regelmässig unterschätzt. Ein Depot, das im ersten Entnahmejahr dreissig Prozent verliert, erholt sich rechnerisch anders als eines, das erst im zwanzigsten Jahr einbricht, selbst wenn die durchschnittliche Rendite identisch ist. Genau das beschreibt das Sequence-of-Returns-Risiko.
Kapitalerhalt statt Maximierung
Es gibt zwei Denkrichtungen. Die eine will möglichst viel entnehmen und nimmt in Kauf, dass das Kapital über die Jahre schrumpft. Die andere will das Kapital erhalten und entnimmt nur, was tatsächlich als Erträge anfällt. Das ist die konservative Variante, und sie kollidiert mit dem Wunsch nach hohen monatlichen Beträgen.
Ich persönlich halte eine Variante zwischen beiden Extremen für vernünftig: eine Entnahme, die unter der erwarteten Rendite liegt, dazu ein Puffer von zwei Jahren Ausgaben in Cash. Diesen Puffer nutze ich in Jahren mit schwachen Kursen, statt dann Anteile zu verkaufen. Er kostet Rendite, aber er verhindert genau die Verkäufe, die im Rückblick am teuersten sind. Wie gross dieser Puffer sein sollte, hängt weniger vom Depotwert ab als von der Planbarkeit der Ausgaben. Mehr dazu unter Cash-Puffer in der Entnahmephase.
Eine Einschränkung gehört dazu: Wer weniger als fünfzehn Jahre bis zur Entnahme hat und nur begrenzt nachsparen kann, sollte die Entnahmerate eher am unteren Rand ansetzen. Die Rechnung mit vier Prozent ist dann eine Rechnung mit Wohlwollen.
Buchempfehlung: Vom Vermögen zum Einkommen
Der Übergang von der Anspar- in die Entnahmephase ist der Teil der Finanzplanung, in dem sich Fehler nicht mehr korrigieren lassen. Das Buch behandelt genau diesen Wechsel: wie du die Entnahmerate festlegst, wie sich Kapitalerhalt bei laufender Entnahme umsetzen lässt und wie du die Reihenfolge der Renditen abfederst. Wer kurz vor oder bereits in der Entnahmephase steht, findet hier die passende Ergänzung zu diesem Beitrag: Vom Vermögen zum Einkommen bei Amazon ansehen
Transparenzhinweis: Ich empfehle hier mein eigenes Buch.
Häufige Fragen zur Entnahmerate
Wie hoch sollte die Entnahmerate in der Schweiz sein?
Für einen Zeitraum von dreissig Jahren und ein gemischtes Depot liegen drei bis dreieinhalb Prozent im robusten Bereich. Wer vier Prozent braucht, sollte mindestens einen Puffer für schwache Jahre einplanen. Wer Vermögen erhalten will, plant mit der niedrigeren Rate und freut sich über Überschüsse.
Zählt die Entnahmerate vor oder nach Steuern?
In der Praxis zählt der Betrag, der auf dem Konto ankommt. Die historischen Studien rechnen brutto. Für die eigene Planung ist die Nettorate die relevante Zahl, weil Quellensteuer, Verzögerungen bei der Rückforderung und Wechselkurse die Kaufkraft bestimmen.
Was passiert, wenn das Depot früher leer ist?
Dann bleibt die Rentenzahlung aus der staatlichen oder betrieblichen Vorsorge. Genau deshalb ist die Entnahmerate kein isolierter Wert: Sie steht in Beziehung zu den übrigen Einkünften, zu den fixen Ausgaben und zur Fähigkeit, im Notfall weniger zu verbrauchen.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und stellt keine Anlage- oder Steuerberatung dar. Er berücksichtigt weder die persönliche Situation noch die Steuergesetze des jeweiligen Wohnsitzlandes.