Aktienquote im Ruhestand: Wie ein Glidepath das Depot auf die Entnahme vorbereitet
Aktienquote im Ruhestand: Wie ein Glidepath das Depot über Jahre auf die Entnahme vorbereitet, Verkäufe im Crash vermeidet und Rendite erhält.
Wer zwanzig Jahre lang Aktien gespart hat, steht irgendwann vor einer unangenehmen Frage: Wie viel davon darf bis zum ersten Entnahmejahr noch im Markt liegen? Die Aktienquote im Ruhestand ist keine Geschmacksfrage. Sie entscheidet, wie teuer der erste schlechte Börsenjahrgang nach der Pensionierung wird.
Ein Glidepath beantwortet diese Frage mit einem Plan statt mit einem Gefühl. Statt bis zum Stichtag eine hohe Aktienquote zu halten und am ersten Rententag alles umzuschichten, senkst du die Quote schrittweise. Meist über acht bis zwölf Jahre. Der Ausdruck kommt aus der Luftfahrt und beschreibt genau das, was der Name sagt: einen sanften Sinkflug statt einer Bruchlandung.
Warum die Aktienquote im Ruhestand kein Stichtag ist
Zwischen Ansparphase und Entnahmephase liegt kein Schalter. Es liegt ein Datum, das du nicht kennst: das Datum des nächsten Bärenmarkts. Wer mit 64 Jahren plant und mit 66 in eine Krise gerät, rechnet mit denselben Zahlen wie jemand, der drei ruhige Jahre erwischt. Nur sind die Ergebnisse nicht dieselben.
Der Grund dafür hat einen Namen. Beim Sequence-of-Returns-Risiko geht es nicht um die durchschnittliche Rendite, sondern um ihre Reihenfolge. Zwei Depots können über zwanzig Jahre exakt gleich viel verdienen. Das eine überlebt, das andere ist nach fünfzehn Jahren leer. Der Unterschied liegt darin, wann die Verluste kamen.
Wer in einem schwachen Jahr Anteile verkaufen muss, verkauft dauerhaft zu billigen Preisen. Diese Anteile fehlen später in der Erholung. Genau deshalb ist die Aktienquote kurz vor der Entnahme so heikel: Sie bestimmt, wie viel Kapital im falschen Moment zur Disposition steht.
Was ein Glidepath konkret bedeutet
Ein Glidepath ist eine Staffel, keine Punktlandung. Typisch sieht das so aus:
| Alter | Aktienquote | Anleihen und Cash |
|---|---|---|
| 50 | 90 % | 10 % |
| 55 | 80 % | 20 % |
| 58 | 70 % | 30 % |
| 61 | 60 % | 40 % |
| 64 | 50 % | 50 % |
| 67 | 45 % | 55 % |
Die konkreten Zahlen sind Verhandlungssache. Entscheidend ist die Richtung: Jedes Jahr ein Stück weniger Aktien, damit der letzte Schritt vor der Entnahme klein ist. Wer bei 80 Prozent steht und auf 60 Prozent will, hat eine Aufgabe. Wer bei 100 Prozent steht und auf 50 will, hat ein Problem.
Ein Rechenbeispiel mit zwei Depots
Ein Depot von einer Million, Entnahme 40.000 pro Jahr. Angenommen wird ein erster Börsenjahrgang von minus 35 Prozent, danach plus 25 und plus 10 Prozent. Anleihen rechnen wir mit zwei Prozent pro Jahr.
Depot A hält ausschliesslich Aktien. Nach der Krise stehen 650.000 im Depot, nach der Entnahme 610.000. Zwei Erholungsjahre bringen es auf 754.750. Die Entnahmequote liegt damit bei 5,3 Prozent und steigt weiter, wenn die Entnahmen nicht sinken.
Depot B startet mit 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen, die Entnahmen laufen aus dem Anleihenteil. Nach dem ersten Jahr stehen 758.000, nach dem dritten 838.317. Die Entnahmequote liegt dann bei 4,6 Prozent.
Der Unterschied von rund 84.000 stammt nicht aus einer besseren Rendite. Er stammt daraus, dass Depot B im Crash keine Aktien verkaufen musste. Das ist das ganze Kunststück, und es funktioniert nur, solange die Anleihen in genau diesem Jahr tatsächlich etwas wert sind.
Welche Fehler die Aktienquote im Ruhestand teuer machen
Der häufigste Fehler ist der Zeitpunkt. Wer mit 62 anfängt, hat zwei Jahre für eine Anpassung, die zehn Jahre braucht. Dann bleibt nur der Verkauf in einem schwachen Markt, also genau das, was der Glidepath verhindern sollte. Ich würde spätestens mit 55 beginnen, auch wenn das während einer Hausse schmerzt.
Der zweite Fehler ist der Verkauf aus Aktien statt aus Anleihen. Ein Glidepath ist kein Automatismus, sondern eine Reihenfolge: In guten Jahren nimmst du Gewinne aus Aktien, in schlechten Jahren aus dem Anleihenteil. Wer diese Regel ignoriert, hat zwar die richtige Quote und trotzdem das falsche Ergebnis.
Drittens unterschätzen viele die Inflation in der Entnahmephase. Eine Anleihenquote von 50 Prozent liefert heute, je nach Laufzeit, zwischen zwei und vier Prozent Zins. Wenn die Entnahme mit zwei Prozent pro Jahr wächst, frisst die Teuerung den Puffer schneller auf als geplant. Ich rechne deshalb lieber mit einer Aktienquote, die zwei bis drei Jahre nach Rentenbeginn wieder leicht steigt, statt sie dauerhaft nach unten zu schleifen.
Und der vierte Punkt: zu viel Cash. Drei Jahre Ausgaben in Aktien zu halten und gleichzeitig fünf Jahre Cash zu parken, ist doppelte Vorsicht und halbe Rendite.
Wo der Glidepath an seine Grenze kommt
Das Modell setzt voraus, dass Aktien und Anleihen sich unterschiedlich entwickeln. Das Jahr 2022 hat diese Annahme widerlegt. Damals fiel der globale Aktienmarkt um rund 18 Prozent, und globale Anleihen verloren ähnlich viel. Ein Glidepath hätte in diesem Jahr nichts abgefedert, weil beide Töpfe gleichzeitig kleiner wurden. Wer heute plant, sollte diese Möglichkeit nicht als Ausnahme abtun.
Für Anleger, die ihr Einkommen ausschliesslich aus Dividenden und Optionsprämien ziehen und niemals Anteile verkaufen, ist die Rechnung ohnehin eine andere. Solange der Cashflow gedeckt ist und die Ausschüttungen nicht aus der Substanz kommen, spricht mehr für eine höhere Aktienquote als das Standardmodell erlaubt. Der Glidepath ist eine Antwort auf erzwungene Verkäufe. Ohne erzwungene Verkäufe verliert er einen Teil seiner Begründung.
Wer die Absenkung umsetzt, braucht kein Markttiming, sondern eine Regel, die er auch in einem guten Jahr befolgt. Das ist der schwierige Teil. Technisch ist es einfach: einmal im Jahr nachrechnen, bei Bedarf umschichten, ansonsten nichts tun.
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Der Übergang von der Anspar- in die Entnahmephase ist das Thema, an dem die meisten Pläne scheitern, weil er sich nicht mit einer Kennzahl lösen lässt. Das Buch behandelt genau diese Strecke: wie du Kapital über Jahrzehnte entnimmst, ohne es aufzubrauchen, und wie du dabei mit Marktphasen umgehst, die du nicht beeinflussen kannst.
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Häufige Fragen zum Glidepath
Wie lange sollte ich für die Absenkung einplanen? Acht bis zwölf Jahre sind eine realistische Spanne. Bei einem Depot, das stark auf wenige Einzelaktien setzt, eher zwölf, weil das Klumpenrisiko zusätzlich zur Marktbewegung wirkt.
Kann ich die Absenkung über die Sparraten erledigen? In der letzten Sparphase ja. Wenn du statt Aktien-ETF monatlich eine kurzlaufende Anleihe kaufst, sinkt die Aktienquote ohne jeden Verkauf. Das ist steuerlich oft der günstigere Weg als ein Umschichten im grossen Stil.
Ersetzt der Glidepath einen Cash-Puffer in der Entnahmephase? Nein, die beiden ergänzen sich. Der Glidepath senkt das Risiko über Jahre, der Puffer deckt die zwölf bis vierundzwanzig Monate, in denen du gar nichts verkaufen willst.
Fazit
Die Aktienquote im Ruhestand ist keine Zahl, die man einmal festlegt. Sie ist eine Bewegung. Wer sie früh genug beginnt, klein genug hält und diszipliniert durch die letzte Hausse trägt, tauscht ein paar Prozentpunkte erwartete Rendite gegen einen deutlich ruhigeren Start in die Entnahme. Das ist kein spektakulärer Deal, aber ein ehrlicher.
Dieser Beitrag ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Er gibt die persönliche Einschätzung des Autors wieder und ersetzt keine individuelle Beratung.