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Sequence-of-Returns-Risiko: Warum die Reihenfolge deiner Renditen über dein Einkommen entscheidet

Das Sequence-of-Returns-Risiko einfach erklärt: Warum die Reihenfolge der Renditen in der Entnahmephase über dein Einkommen entscheidet – und wie du dich schützt.

Wer seine Entnahmephase plant, rechnet meist mit einer Durchschnittsrendite: „Mein Depot macht langfristig rund sieben Prozent, ich entnehme vier Prozent, das reicht." Diese Rechnung hat einen blinden Fleck. In der Realität gibt es keine Durchschnittsrendite, die gleichmässig über die Jahre verteilt eintrifft. Es gibt gute Jahre, schlechte Jahre und Jahre, in denen sich alles verschiebt – und bei laufenden Entnahmen entscheidet die Reihenfolge, in der diese Jahre auftreten, darüber, ob dein Kapital trägt oder nicht. Dieses Phänomen hat einen Namen: das Sequence-of-Returns-Risiko.

Was das Sequence-of-Returns-Risiko bedeutet

Solange du nur einzahlst, ist die Reihenfolge der Renditen fast bedeutungslos. Zwei Depots, die über zwanzig Jahre dieselben Jahresrenditen in unterschiedlicher Reihenfolge erleben, landen am Ende beim selben Wert. Das ist die mathematische Eigenheit der Multiplikation: Die Faktoren lassen sich beliebig vertauschen.

In dem Moment, in dem du Geld entnimmst, bricht diese Eigenschaft zusammen. Jede Entnahme reduziert das Kapital, auf das die folgenden Renditen wirken. Ein Verlustjahr wirkt also nicht nur auf dein Vermögen, sondern gleichzeitig auf die Basis, aus der du weiter entnimmst. Fällt ein schwaches Jahr früh in die Entnahmephase, wird es dauerhaft wirksam: Du verkaufst Anteile zu niedrigen Kursen, diese Anteile fehlen anschliessend in der Erholung. Genau dieses Zusammenspiel aus Entnahme und frühem Verlust ist das Sequence-of-Returns-Risiko.

Warum die Reihenfolge rechnerisch so viel ausmacht

Der Effekt ist kein Randfall, sondern in seiner Grössenordnung überraschend deutlich. Das folgende Modell verwendet in beiden Szenarien exakt dieselben zehn Jahresrenditen – nur in umgekehrter Reihenfolge.

Annahmen: Startkapital 500.000, jährliche Entnahme 25.000 (zu Jahresbeginn), Renditen: zwei Verlustjahre von −20 % und −10 %, acht Gewinnjahre von je +8 %. In beiden Szenarien ist der Durchschnitt identisch.

Szenario A: Verluste zuerst Szenario B: Verluste zuletzt
Jahr 1 −20 % +8 %
Jahr 2 −10 % +8 %
Jahre 3–8 je +8 % je +8 %
Jahr 9 +8 % −20 %
Jahr 10 +8 % −10 %
Kapital nach 10 Jahren ca. 304.000 ca. 419.000

Dieselben Renditen, dieselbe Entnahme, ein Unterschied von rund 115.000 – nur wegen der Reihenfolge. Wer in Szenario A zusätzlich plant, aus diesem Depot dauerhaft 25.000 pro Jahr zu beziehen, merkt schnell: Die Entnahme ist gemessen am Restkapital plötzlich deutlich teurer geworden, obwohl sich an der Strategie nichts geändert hat.

Warum derselbe Effekt ohne Entnahme verschwindet

Ohne Entnahme enden beide Szenarien beim identischen Endwert, weil kein Kapital aus dem Kreislauf abgezogen wird. Das ist der entscheidende Punkt: Nicht die Volatilität an sich ist das Problem, sondern die Kombination aus Volatilität und laufender Entnahme. Genau deshalb ist das Reihenfolgerisiko in der Ansparphase ein Nebenthema und in der Entnahmephase ein Hauptrisiko.

Warum Dividenden-Investoren betroffen sind

Man könnte einwenden, ein Dividenden-Depot verkaufe ja gar keine Anteile – die Ausschüttungen kämen von selbst. Das entschärft das Risiko, beseitigt es aber nicht. Drei Punkte sind zu bedenken:

  • Ausschüttungen sind nicht garantiert. In einer Krise kürzen Unternehmen Dividenden, REITs senken ihre Ausschüttungen, und Options-ETFs liefern weniger, wenn die Volatilität für sie ungünstig läuft.
  • Ausschüttungen schwanken mit dem Kursniveau. Fällt der Kurs, sinkt bei fixer Ausschüttungsquote auch der absolute Betrag.
  • Ein Kursverfall bei gleichzeitig hoher Entnahme bleibt gefährlich. Wer zusätzlich Anteile verkauft, weil die Ausschüttungen nicht reichen, hebelt sich selbst aus.

Der Vorteil eines Cashflow-Depots liegt darin, dass du weniger auf Kursgewinne angewiesen bist und seltener in fallende Kurse hinein verkaufen musst. Warum dieser psychologische Unterschied so viel bewirkt, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben: Warum Cashflow an der Börse den psychologischen Unterschied macht. Die Reihenfolge der Renditen bleibt trotzdem ein Risiko, das du aktiv managen musst.

Die vier Hebel gegen das Reihenfolgerisiko

1. Ein Cash-Puffer von zwei bis drei Jahresausgaben

Der wirksamste Schutz ist banal: Halte einen Teil des Vermögens in kurzfristig verfügbaren Mitteln. Wenn der Markt fällt, entnimmst du aus dem Puffer statt aus dem Depot. Damit verkaufst du keine Anteile im Tief, und das Kapital kann sich erholen. Zwei bis drei Jahresausgaben sind eine gängige Grösse – das entspricht bei 25.000 Jahresbedarf einem Puffer von 50.000 bis 75.000.

2. Eine Entnahmerate, die Luft lässt

Die viel zitierte Vier-Prozent-Regel stammt aus anderen Zins- und Marktphasen. Sie ist kein Naturgesetz, sondern eine Faustregel mit Annahmen. Wer mit einer niedrigeren Anfangsentnahme startet und sie erst nach einigen Jahren guter Entwicklung erhöht, vergrössert den Abstand zum kritischen Bereich erheblich. Der Unterschied zwischen vier und fünf Prozent Entnahme klingt klein, entscheidet aber in schwachen Jahrzehnten oft über den Kapitalerhalt.

3. Flexible Entnahmen statt fixer Beträge

Ein fixer Betrag, der jährlich um die Inflation steigt, ist die riskanteste Variante. Deutlich robuster sind Regeln, die mitschwingen:

  • Entnahmebetrag an die tatsächliche Entwicklung koppeln (z. B. nur 80 % der geplanten Entnahme in einem Verlustjahr).
  • Inflationsanpassung in schwachen Jahren aussetzen.
  • Ausschüttungen sammeln und in guten Jahren Überschüsse als Puffer aufbauen.

Das reduziert das Risiko, ohne die Strategie zu verändern – es verlangt nur, dass du in schwachen Jahren mit weniger auskommst.

4. Breite Streuung und gestaffelte Entnahmestartpunkte

Ein Depot, das auf wenigen Titeln oder einer einzigen Strategie beruht, trifft ein schwaches Jahrzehnt härter als ein breit gestreutes. Wer zusätzlich über mehrere Töpfe mit unterschiedlichen Startzeitpunkten verfügt – etwa ein klassisches Dividenden-Depot und ein Options-Cashflow-Depot – kann in schwachen Jahren denjenigen Topf schonen, der gerade am stärksten belastet ist. Wie du ein bestehendes Depot schrittweise auf die Entnahmephase umbaust, ohne alles auf einmal zu verändern, beschreibt dieser Leitfaden zum Depot-Umbau.

Buch-Empfehlung

Vom Vermögen zum Einkommen behandelt genau die Phase, um die es in diesem Beitrag geht: den Übergang von der Anspar- zur Entnahmephase. Der Autor geht auf Entnahmeraten, Kapitalerhalt, das Reihenfolgerisiko und die praktische Frage ein, wie du dein Vermögen so strukturierst, dass daraus ein verlässliches Einkommen wird. Wenn du kurz vor oder mitten in der Entnahmephase stehst, ist das die passende Lektüre:

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Fazit

Das Sequence-of-Returns-Risiko ist die stille Gefahr der Entnahmephase: nicht die durchschnittliche Rendite entscheidet, sondern die Reihenfolge, in der du sie erlebst. Zwei Szenarien mit identischen Renditen können zehn Jahre später über 100.000 auseinanderliegen – nur wegen der Abfolge. Dagegen hilft kein besseres Timing, sondern eine Struktur: ein Cash-Puffer, eine zurückhaltende Entnahmerate, flexible Beträge und breite Streuung. Wer diese vier Hebel einsetzt, macht sein Einkommen unabhängig davon, ob der nächste schwache Jahrgang früh oder spät kommt.

FAQ

Wie hoch ist eine sichere Entnahmerate? Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht. Die Vier-Prozent-Regel ist eine häufig genannte Faustregel, die auf bestimmten historischen Daten beruht. In Phasen niedriger erwarteter Renditen oder bei sehr langer Entnahmedauer planen viele vorsichtiger, etwa mit drei bis dreieinhalb Prozent. Entscheidend ist weniger die exakte Zahl als der Puffer, den du darüber hinaus einbaust.

Gilt das Reihenfolgerisiko auch für ein reines Dividenden-Depot? Ja, in abgeschwächter Form. Da du keine Anteile verkaufen musst, fällt der klassische Effekt kleiner aus. Wenn Dividenden jedoch gekürzt werden oder unter deinem Bedarf liegen und du deshalb zusätzlich Anteile verkaufst, greift dasselbe Muster wie bei einem reinen Verkaufsdepot.

Wann endet das Sequence-of-Returns-Risiko? Es nimmt mit der Zeit ab. Je weiter du in der Entnahmephase bist und je mehr Kapital relativ zur jährlichen Entnahme noch vorhanden ist, desto geringer wird der Einfluss eines einzelnen schwachen Jahres. Vollständig verschwindet es nie, solange du entnimmst.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er berücksichtigt keine individuellen Verhältnisse. Für Entscheidungen zu deinem eigenen Depot ziehe bitte eine fachkundige Beratung bei.

Über den Autor: Marc Arndt

Finanzenthusiast und passionierter Verfechter der Dividendenstrategie. Teilt sein Wissen, um anderen den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit im DACH-Raum zu erleichtern.