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Inflation in der Entnahmephase: Warum dein Dividenden-Einkommen jedes Jahr weniger kauft

Inflation in der Entnahmephase kostet Kaufkraft: Rechenbeispiele, passende Entnahmeraten und wie Dividendenwachstum dein Einkommen über 20 Jahre sichert.

Die Entnahmephase verzeiht weniger Fehler als die Ansparphase. Solange du einzahlst, arbeitet die Zeit für dich. Sobald du Geld entnimmst, arbeitet die Teuerung gegen dich, jeden Monat, ohne Pause. Inflation in der Entnahmephase heißt nicht, dass deine Ausschüttungen sinken. Sie heißt, dass dieselbe Summe Jahr für Jahr weniger kauft. Wer das früh genug einrechnet, muss später nicht die Entnahmerate erhöhen, wenn die Kurse gerade ungünstig stehen.

Warum Inflation in der Entnahmephase härter trifft

In der Ansparphase ist Teuerung lästig, aber korrigierbar. Du erhöhst deine Sparrate, du bekommst irgendwann eine Lohnanpassung, und der Ausgleich passiert fast von selbst. In der Entnahmephase fällt dieser Automatismus weg. Eine Dividende kennt keine Teuerungsrunde. Sie steigt, wenn das Unternehmen sie erhöht, und sonst eben nicht.

Der zweite Unterschied ist die Richtung des Kapitals. Wer entnimmt, verbraucht Substanz. Fällt die Rendite in einem Jahr schlecht aus und du entnimmst trotzdem denselben Betrag, wächst der Druck auf das Depot genau dann, wenn es ohnehin schwach ist. Hier greifen zwei Effekte ineinander: die Reihenfolge der Renditen und der schleichende Kaufkraftverlust. Wie unangenehm diese Reihenfolge werden kann, habe ich im Beitrag zum Sequence-of-Returns-Risiko in der Entnahmephase aufgeschrieben.

Dazu kommt die Dauer. Eine Entnahmephase läuft nicht fünf Jahre, sie läuft 25 oder 30. Bei 2 % Teuerung halbiert sich die Kaufkraft in rund 35 Jahren. Bei 3 % sind es schon etwa 23 Jahre. Wer mit 60 aufhört und 30 Jahre Einkommen braucht, erlebt genau diesen Zeitraum vollständig.

Inflation in der Entnahmephase: Was 2.000 Franken nach zwanzig Jahren noch wert sind

Rechnen wir es an einem konkreten Betrag durch. Angenommen, dein Depot schüttet heute 2.000 Franken im Monat aus. Die Ausschüttung bleibt nominell gleich, weil nichts reinvestiert wird und keine Erhöhung stattfindet.

Zeitpunkt Kaufkraft der 2.000 bei 2 % Teuerung Nötige Ausschüttung für gleiche Kaufkraft
heute 2.000 2.000
nach 10 Jahren 1.641 2.438
nach 20 Jahren 1.346 2.972
nach 25 Jahren 1.219 3.281

Nach zwanzig Jahren fühlt sich die Ausschüttung an wie 1.346 Franken. Um dieselbe Kaufkraft zu halten, müsste sie auf 2.972 Franken steigen, also um fast die Hälfte. Bei 3 % Teuerung bleiben von den 2.000 nach zwanzig Jahren nur noch rund 1.107 Franken übrig.

Wie realistisch sind solche Werte? In der Eurozone lag die Teuerung im Herbst 2022 bei über 10 %. In der Schweiz blieb es moderater, der Höchststand 2023 lag bei gut 3 %. Über lange Zeiträume liegt die Teuerung in beiden Regionen eher bei 1,5 bis 2,5 %. Für die Planung ist die niedrige Zahl die gefährlichere, weil sie niemanden erschreckt.

Dividendenwachstum ist der wirksamere Hebel

Der sauberste Ausgleich kommt nicht aus einer höheren Entnahmerate, sondern aus steigenden Ausschüttungen. Wächst eine Dividende um 4 bis 5 % im Jahr, liegt sie dauerhaft über einer Teuerung von 2 %. Nach zehn Jahren steht die Ausschüttung dann rund 40 bis 60 % über dem Startwert, während die Kaufkraft nur um gut 22 % gefallen ist.

Der Effekt ist nicht gleichmäßig verteilt. Er entsteht bei Unternehmen, die ihre Ausschüttung aus steigenden Gewinnen zahlen, nicht bei solchen, die eine hohe Rendite aus Substanz finanzieren. Der Unterschied zwischen einer Dividendenrendite und dem Ertrag auf den Einstandspreis steckt genau hier, nachzulesen unter Dividendenwachstum und Yield on Cost.

Ich halte diesen Punkt für den wichtigsten im ganzen Thema. Eine zweistellige Anfangsrendite, die nicht wächst, verliert gegen eine niedrigere Rendite mit verlässlichem Wachstum. Die Rechnung geht selten über ein Jahr auf, über zwanzig Jahre fast immer.

Was du konkret verändern kannst

Entnahmerate mit Puffer wählen

Die Entnahmerate bestimmt, wie viel Kapital du überhaupt brauchst. Für 24.000 Franken im Jahr ergibt sich folgendes Bild:

Entnahmerate Benötigtes Kapital
3 % 800.000
4 % 600.000
5 % 480.000

Die 5 % sehen bequem aus, weil sie ein kleineres Depot verlangen. Sie lassen aber fast keinen Raum für Teuerung, weil du bei dieser Rate bereits einen Teil des Kapitals verbrauchst. Ich plane lieber mit 3,5 bis 4 % und einem zusätzlichen Cashpuffer von zwei bis drei Jahren Ausgaben. Der Puffer ist keine Renditebremse, sondern die Versicherung, dass du in einem schwachen Jahr nicht verkaufen musst.

Einkommen jährlich prüfen statt automatisch erhöhen

Eine automatische Erhöhung um die Inflationsrate klingt diszipliniert und ist trotzdem riskant. Steigt die Ausschüttung nicht mit, entnimmst du zusätzlich Substanz. Besser ist ein fester Termin im Jahr, an dem du drei Zahlen vergleichst: die Teuerungsrate, das Wachstum deiner Ausschüttungen und die Entwicklung des Depotwerts. Nur wenn die Ausschüttungen mitgehalten haben, erhöhst du auch die Entnahme.

Einkommen breiter streuen

Nicht jede Einkommensquelle reagiert gleich auf Teuerung. Immobilienwerte können Mieten erhöhen, Versorger und Konsumgüterkonzerne geben Preise weiter, andere Branchen können es nicht. Eine Mischung aus wachsenden Dividenden, monatlich ausschüttenden Vehikeln und einem kleinen Anteil inflationsindexierter Anleihen verteilt das Risiko. Wer sein Einkommen aus wöchentlichen Ausschüttungen bezieht, sollte zusätzlich prüfen, ob die Zahlung aus Erträgen oder aus Kapital stammt. Kapitalausschüttungen ersetzen keinen Inflationsschutz, sie verschieben ihn nur.

Wo der Inflationsschutz an seine Grenzen stößt

Dividenden sind keine Garantie. Sie werden gekürzt, ausgesetzt oder mit Kapital finanziert. Ein Depot, das stark auf wenige Sektoren setzt, ist doppelt verwundbar: einmal über die Kurse, einmal über die Kaufkraft. Läuft die Teuerung schneller als das Dividendenwachstum, hilft nur eine niedrigere Entnahme oder eine längere Ansparphase. Und Steuern sowie Gebühren fressen einen Teil des Ausgleichs. In der Schweiz ist die Verrechnungssteuer auf inländischen Dividenden rückforderbar, im Ausland erhobene Quellensteuern dagegen nur teilweise. Das verändert den Nettobetrag, mit dem du rechnest, nicht die Richtung des Problems.

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Häufige Fragen zur Inflation in der Entnahmephase

Muss ich die Entnahme jährlich um die Inflationsrate erhöhen?

Nein. Erhöhe nur, wenn deine Ausschüttungen mitgewachsen sind. Sonst verkaufst du zusätzlich Substanz und verschiebst das Problem in die späteren Jahre, in denen du weniger Zeit zum Gegensteuern hast.

Wie viel Cashpuffer ist sinnvoll?

Zwei bis drei Jahre Ausgaben auf einem gut verzinsten Tagesgeld- oder Geldmarktkonto. Das klingt viel, verhindert aber, dass du in einem schwachen Markt Anteile verkaufen musst.

Schützen inflationsindexierte Anleihen in der Entnahmephase?

Sie schützen die Kaufkraft des angelegten Betrags, nicht dessen Wachstum. Als Baustein für den sicheren Teil des Depots sind sie brauchbar. Als einzige Einkommensquelle für steigende Bedürfnisse reichen sie nicht.

Dieser Beitrag ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Er gibt meine persönliche Einschätzung wieder und ersetzt keine Beratung, die deine individuelle Situation berücksichtigt.

Über den Autor: Marc Arndt

Finanzenthusiast und passionierter Verfechter der Dividendenstrategie. Teilt sein Wissen, um anderen den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit im DACH-Raum zu erleichtern.